Vom Export Weltmeister zum Sanierungsfall?

Deutschland vollzieht derzeit ein energiepolitisches Experiment, ähnlich einer Operation am offenen Herzen seiner Volkswirtschaft, das in einer modernen Industriegesellschaft seinesgleichen sucht. Die politische Führung hat sich für eine Strategie entschieden, die sich kurz so zusammenfassen lässt: Wir schalten das Bewährte ab und hoffen, dass das Zukünftige rechtzeitig funktioniert, wenn es denn überhaupt funktioniert. Doch auf Hoffnung dürfen wir nicht setzen das Überleben unseres Landes darf nicht auf’s Spiel gesetzt werden. Wer käme wohl auf die abwegige Idee, statt einem erfahrenen Chirurgen, unerfahrenen Leuten eine Herzoperation zu überlassen?

Der doppelte Ausstieg aus der Realität

Wie heißt es so treffend: „Never change a running System“.

  • Es bedeutet: „Bewahre, was funktioniert – ändere, was notwendig ist – und prüfe beides gründlich.“
  • Reform um der Reform willen („Wir müssen etwas tun, also tun wir irgendwas.“) => geht meistens schief.
  • Stillstand aus Angst vor Veränderung („Das haben wir immer so gemacht.“) => ist ebenso fatal
  • Der Satz fordert eine Ausgewogenheit, die nicht rückwärtsgewandt ist, sondern verantwortungsvoll. Hapert es genau daran? Berechtigte Zweifel muss man haben und das nicht erst seit gestern.

Mit der endgültigen Abschaltung der letzten Kernkraftwerke im April 2023 und dem gesetzlich besiegelten Kohleausstieg hat sich das Land von den tragenden Säulen seiner grundlastfähigen und im Überfluss verfügbaren Energieerzeugung verabschiedet. Gleichzeitig ist das Enddatum für das fossile Erdgas im Wärmesektor bereits gesetzlich im Gebäudeenergiegesetz (GEG) festgeschrieben.

Das fundamentale Problem dieser Politik ist nicht das Ziel der Klimaneutralität an sich, sondern die fatale Reihenfolge: Deutschland vollzieht den Ausstieg vor dem Einstieg. Es zerstört funktionierende, abgeschriebene und hochgradig verlässliche Infrastruktur, ohne dass die technologischen Nachfolger auch nur ansatzweise in der nötigen Skalierung bereitstehen, erprobt oder bezahlbar sind.

Ist der Umstieg auf Wasserstoff eine nette Illusion?

Als vermeintlicher Heilsbringer für die Industrie und die schwer umrüstbare Wärmeversorgung wird seit Jahren der Wasserstoff angepriesen. Doch blickt man hinter die politischen Sonntagsreden, offenbart sich ein physikalisches und logistisches Desaster:

  1. Die Ineffizienz-Falle: Wasserstoff ist kein Energieträger, den man einfach fördert, sondern ein Speichermedium, das unter massivem Stromeinsatz erst hergestellt werden muss. Bei der Elektrolyse, der Verflüssigung und dem Transport geht ein Großteil der eingesetzten Energie ungenutzt verloren. Um Deutschland mit grünem Wasserstoff zu versorgen, bräuchte es Mengen an Ökostrom, die das Land auf absehbare Zeit selbst mit maximalem Windkraftausbau nicht erzeugen kann.
  2. Das Transport-Dilemma: Die Behauptung, man könne Wasserstoff problemlos global verschiffen, ignoriert die Gesetze der Physik. Die Kühlung auf minus 253 Grad für den Seetransport oder die chemische Umwandlung in Ammoniak frisst bis zu 50 Prozent der ursprünglichen Energie auf. Was am Ende in deutschen Fabriken ankommt, ist kein günstiger Brennstoff, sondern ein thermodynamischer Luxusartikel.
  3. Die unfertige Infrastruktur: Das geplante Wasserstoff-Kernnetz existiert bisher weitgehend auf dem Papier. Lokale Verteilnetze zu den Haushalten werden aus wirtschaftlicher Notwendigkeit zurückgebaut, weil eine flächendeckende Umrüstung von Millionen Endanschlüssen an den physikalischen Eigenschaften des flüchtigen Gases scheitert. Die versprochene „Hydrogen-Ready“-Zukunft im Heizungskeller ist für die breite Masse eine technologische Sackgasse.

Industrieller Abstieg statt technologischer Fortschritt

Ein kluger Strukturwandel zeichnet sich dadurch aus, dass das Neue besser, billiger und verlässlicher ist als das Alte. Erst wenn die Alternative steht und ihre wirtschaftliche Überlegenheit bewiesen hat, verdrängt sie das Vorgängermodell.

In Deutschland läuft es umgekehrt: Das Bestehende wird bewusst verteuert oder politisch verboten, um den Markt künstlich in eine Technologie zu zwingen, deren Lieferketten, Importrouten und Speichertechnologien noch in den Kinderschuhen stecken.

Die Quittung für dieses Vorgehen zahlen die Bürger und die Industrie bereits heute. Hohe Strompreise, Deindustrialisierung durch Abwanderung energieintensiver Branchen und eine anhaltende Verunsicherung im Wärmesektor sind keine Geburtswehen einer modernen Wirtschaft, sondern die direkten Folgen einer Politik, die die physikalische Realität ideologischen Zeitplänen unterordnet. Wer das Fundament einreißt, bevor das neue Dach gedeckt ist, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende im Regen steht.

„Man wird ganze Regionen abschalten müssen“ – Prof. Fritz Vahrenholt im Interview

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Industrieller Abstieg: Die Quittung bei Strompreisen und Deindustrialisierung
Die Warnungen vor den Folgen eines unsinnigen und zumindest verfrühten Ausstiegs, sind längst keine theoretischen Szenarien mehr – die volkswirtschaftlichen Daten belegen den schleichenden Substanzverlust der deutschen Industrie:
Die Strompreis-Falle: Deutschland verzeichnet für seine Industrie im internationalen Vergleich dauerhaft wettbewerbsfeindliche Strompreise. Während Großkonzerne in den USA oder China von günstigen Energiepreisen von 3 bis 5 Cent pro Kilowattstunde profitieren, liegt der effektive Strompreis für den deutschen Mittelstand oft beim Zwei- bis Dreifachen. Der Wegfall grundlastfähiger Kraftwerke hat die Resilienz des Netzes geschwächt; die Kosten für das künstliche Stabilisieren des Stromnetzes bei Flaute („Redispatch“) haben Rekordhöhen erreicht. Betrachtet man alleine den Unsinn, dass Stromüberschuss dem benachbarten Ausland auf’sAuge gedrückt wird und den Abnahmewillen noch durch Zahlungen versüßt! Ob die Entscheider für solch merkwürdiges Unterfangen mit dem Begriff „Grundlastfähigkeit“ bei der Stromerzeugung etwas anfangen können? Oder kommt für besagte Leute der Strom einfach aus der Steckdose, wie es so scherzhaft persifliert wird?

Der Exodus der Schlüsselindustrien: Die energieintensive Industrie zieht die Reißleine. Prominente Beispiele aus der Chemiebranche (wie BASF), der Stahlindustrie und der Automobilzulieferer haben milliardenschwere Investitionen gestoppt, Kapazitäten abgebaut oder verlagern ihre Produktion komplett ins Ausland. Wenn die Produktion in Deutschland zu teuer ist, wandert nicht nur die Energieerzeugung ab, sondern auch die anschließende Wertschöpfungskette.
Vom Exportweltmeister zum Sanierungsfall: Die Kombination aus hohen Energiepreisen und bürokratischen Auflagen führt zu einer chronischen Investitionsflaut im Inland. Das Prädikat „Made in Germany“ verliert rasant an Boden, weil ein Standort ohne garantierte, bezahlbare Grundlastenergie für internationale Investoren schlicht kalkulatorisch unattraktiv geworden ist.
Der koordinierte Kahlschlag: Kommunaler Gasnetz-Rückbau und Enteignung durch die Hintertür?

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